Kultur
Optimismus ist kein Gefühl, sondern eine Fähigkeit
Nach außen zuversichtlich bleiben, während innen alles wackelt — ohne zu lügen.
Du musst nach außen zuversichtlich bleiben, während du innen gerade nicht weißt, ob es funktioniert. Über diese Anforderung spricht kaum jemand offen.
Das klingt zunächst nach Unehrlichkeit. Ist es aber nicht — vorausgesetzt, man versteht, worum es dabei geht.
Warum das nötig ist
Deine Mitarbeiter, deine Kunden und deine Partner treffen Entscheidungen auf Grundlage dessen, was sie von dir wahrnehmen. Wenn du in einer schwierigen Woche durchblicken lässt, dass du selbst nicht mehr daran glaubst, verlieren sie nicht nur den Glauben, sondern beginnen sich abzusichern. Die guten Leute schauen sich um. Kunden zögern. Partner werden vorsichtig.
Das ist der Punkt: Deine Verfassung ist nicht privat, weil andere ihre Entscheidungen daran ausrichten. Und diese Entscheidungen können die schwierige Phase erst zu der Krise machen, die du befürchtet hast.
Warum es trotzdem keine Lüge ist
Der Unterschied liegt zwischen zwei Aussagen, die ähnlich klingen und es nicht sind.
Fassade: Alles läuft super. — Das ist gelogen, alle merken es, und es kostet dich Glaubwürdigkeit.
Haltung: Das Quartal war schlecht, hier sind die drei Gründe, hier ist, was wir ändern, und ich halte es für lösbar. — Das ist ehrlich und zuversichtlich zugleich.
Die zweite Variante verlangt mehr Arbeit, weil du die Gründe tatsächlich kennen und einen Plan haben musst. Genau deshalb wirkt sie: Zuversicht ohne Analyse ist Beschwichtigung, Zuversicht mit Analyse ist Führung.
Wie man das trainiert
Trenne die Beschreibung von der Bewertung. „Der Umsatz ist um dreißig Prozent gefallen” ist eine Beschreibung. „Wir haben ein massives Problem” ist eine Bewertung. Die Beschreibung teilst du sofort, die Bewertung erst, wenn du sie durchdacht hast.
Sprich in Zeiträumen. Fast jedes Problem sieht anders aus, wenn man es in einen Zeithorizont stellt. „Diese Woche ist schlecht” ist etwas anderes als „das Quartal ist verloren” — und meist ist ersteres wahr und letzteres nicht.
Halte einen Ort für Zweifel offen. Zuversicht nach außen funktioniert nur, wenn es einen Ort gibt, an dem du zweifeln darfst. Ein Mitgründer, ein Mentor, jemand außerhalb der Firma. Wer diesen Ort nicht hat, trägt entweder alles allein oder lässt es an der falschen Stelle heraus.
Sag, was du nicht weißt. Ein Satz wie „ich weiß noch nicht, ob das reicht, und ich sage euch in zwei Wochen mehr” ist stärker als jede Behauptung. Er zeigt, dass du die Lage im Blick hast, ohne dass du sie schönreden musst.
Wo die Grenze liegt
Es gibt einen Punkt, an dem Zuversicht in Realitätsverweigerung kippt. Er ist erreicht, wenn du Zahlen nicht mehr anschaust, weil du weißt, was drinsteht. Oder wenn niemand im Team dir mehr widerspricht.
Beides sind gute Warnsignale. Der Zweck von Optimismus ist, handlungsfähig zu bleiben — nicht, ein Ergebnis zu verdrängen.
Wer das auseinanderhalten kann, hat eine der schwersten Fähigkeiten im Unternehmensaufbau. Es ist eine, die man lernt, nicht eine, die man mitbringt.
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